– Zeitzeugenbericht des KZ-Überlebenden Ivan Ivanji

Suchte man nach einem Titel für das Zeitzeugengespräch des Holocaust-Überlebenden Ivan Ivanji, so könnte man es mit seinen Worten „Ich mag es nicht zu ernst“ zusammenfassen.
Herr Ivanji war anlässlich des 79. Jahrestages der Reichspogromnacht (09.11.1938) an der Berufsschule Dachau zu Gast. Der Schulleiter OStD Johannes Sommerer durfte zu dieser Veranstaltung auch den Sohn und Journalisten Andrej Ivanji sowie den Historiker und Pfarrer der evangelischen Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau, Dr. Björn Mensing, begrüßen. Das Gespräch wurde von OStR Stefan Rauchenecker organisiert und vom MDR aufgezeichnet.

Seine Kindheit im Banat* war „ein goldener Käfig“, berichtete Herr Ivanji, der dort 1929 geboren wurde, im Dialog mit Dr. Mensing. Er wuchs sehr behütet als Sohn eines Ärztepaares auf, welches auf Bildung und Erziehung höchsten Wert legte. Fechten, Französisch und Gymnastik hätten eine große Rolle in seinem jungen Leben gespielt. Die dadurch eingeschränkte kindliche Freiheit vermisse er besonders, was er den Schülerinnen und Schülern mit einem Schmunzeln zu verstehen gab.

Religiöse Zugehörigkeit hingegen spielte in seiner Familie keine Rolle. Mit der Aussage „Hitler hat mich zum Juden gemacht“ pointierte Hr. Ivanji die Ausgangssituation in seinem jungen Leben und ergänzte „es gab in meiner Kindheit kein Kind, dass nicht alle drei Sprachen Serbisch, Deutsch und Ungarisch sprach – das war normal!“. Über ein rückdatiertes Taufdatum des evangelisch-reformierten Popen und Nachbarn hatte der gebürtige Jude Ivan Ivanji das Glück nach Kriegsbeginn noch einige Zeit an einem ungarischen Gymnasium bleiben zu können, bis er 1944 nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Ungarn schließlich doch mit einem der Transporte deportiert wurde.

Das Glück des damals Fünfzehnjährigen, bei der Selektion im Konzentrationslager von Auschwitz als „arbeitsfähig“ eingestuft zu werden, führte ihn schließlich über einen Transport in das Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich zwei seiner Großeltern bereits durch Suizid dem Zugriff der deutschen Besatzer entzogen; auch seine Eltern wurden von den Nationalsozialisten ermordet.

Herr Ivanji, der es nach eigener Aussage eher schätzt über die vielen positiven Dinge des Lebens zu referieren, schilderte anschließend die Umstände, in denen er es –wenn auch nur mit viel Glück- schaffte, den weiteren Aufenthalt in verschiedenen Arbeits- und Konzentrationslagern zu überleben, um schließlich nach der Befreiung durch die amerikanischen Alliierten in Magdeburg zu stranden.

An diesem Punkt des Gesprächs wandte er sich an die Schülerinnen und Schüler mit der Bitte: „Sagt bitte niemals ‚die Deutschen‘, denn sie waren nicht nur die Täter, sondern auch die ersten Opfer [..] das Individuum muss bewertet werden – nicht die ethnische, nationale oder religiöse Zugehörigkeit!“. Er appellierte daran, dass die jungen Menschen nicht dogmatisch zur Auseinandersetzung mit dieser Zeit des Hasses gezwungen werden dürften. Man sollte es jedem Einzelnen überlassen, sich freiwillig mit der Geschichte auseinander zu setzen.

Im weiteren Gesprächsverlauf hatten die Schülerinnen und Schüler der Berufsschule die Möglichkeit, Herrn Ivanji Fragen zu stellen, zu denen er beeindruckend unpathetisch und teils betont humorvoll Stellung nahm.

Für alle Gäste des Gesprächs als zutiefst eindringlich fiel sein abschließender Appell aus:
„Gedenkfeiern sind das Eine, aber bitte bedenken Sie: In genau diesem Augenblick ertrinken Menschen im Mittelmeer und jeder ist in diesem letzten Moment hilflos und alleine. Das Kind in Auschwitz, dass an der Hand des Vaters vertrauensvoll in den Tod ging, hat dasselbe Leid erfahren, wie das Kind, das an der nordafrikanischen Küste an der Hand seines Vaters vertrauensvoll in ein Boot gestiegen ist!“.

*Das Banat ist eine historische Region in Südosteuropa, die heute in den Staaten Rumänien, Serbien und Ungarn liegt.

 


Schülerinnen und Schüler beim kurzweiligen und zugleich ergreifenden Gespräch

Der Schriftsteller und Dolmetscher von Josip Tito, Ivan Ivanji

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der ehem. Lehrer Ivan Ivanji im Gespräch mit dem syrischen Bürgerkriegsflüchtling Mohamad Marroush

 

Ein griechischstämmiger Schüler im persönlichen Gespräch mit dem ehem. Berater des jugoslawischen Botschafters in Bonn, Ivan Ivanji

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Seinen Humor teilte Hr. Ivanji hier mit der Schülerin Nicoleta Ardeleanu

 

 

 

 

 

 

 

Link zum Beitrag des MDR

 

Den Beitrag zu diesem Gespräch wird der MDR am FR 10.11.2017 ab 17:45 Uhr ausstrahlen – hier im Interview mit der Schülerin Vanessa Huber

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dr. Mensing, Ivan Ivanji, Andrej Ivanji, Johannes Sommerer, Stefan Rauchenecker (v.l.n.r.)

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